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Aufklärung über Qualzuchtmerkmale

Autorenbild: zumlorcheborn
zumlorcheborn
vor 7 Tagen
5 Min. Lesezeit
Schäferhund Zwergwuchs
Schäferhund Zwergwuchs

Aufklärung statt Vorwürfe „rassespezifische“ Qualzuchtmerkmale, die als „normal“ eingestuft werden 

Bei der Entscheidung für einen Hund zählen für viele Menschen nicht mehr nur der Charakter und Eigenschaften des Tieres, zunehmend rückt auch das Aussehen in den Vordergrund. Dadurch sind Hunderassen besonders gefragt, die bestimmten Schönheitsidealen entsprechen. Das kann eine bestimmte Größe sein, eine besondere Kopfform oder eine seltene Fellfarbe. Doch spezifische Merkmale, die Menschen als „niedlich“ oder „besonders“ empfinden, gehen häufig auf Kosten der Tiergesundheit. In diesen Fällen spricht man von Qualzucht. Bei Hunden ist sie besonders verbreitet, mehr als 50 Hunderassen sind betroffen. Für die Tiere bedeutet das oft ein Leben mit Atemnot, Skelettproblemen sowie Augen-, Herz- und Hauterkrankungen. Nicht jedes Tier einer betroffenen Rasse ist automatisch krank, doch bei manchen Rassen sind problematische Merkmale sogar fest im Zuchtstandard verankert. So unterschiedlich das individuelle Leid auch ausfallen kann, es zeigt, wie dringend wir unsere Vorstellung von Schönheit hinterfragen müssen, wenn sie für Hunde ein Leben voller Beschwerden bedeutet. Im folgenden beitrag widmen wir uns Hunden, die von Qualzucht betroffen sind. Wir klären darüber auf, wie man sie erkennt und was verantwortungsbewusste Hundehalter tun können, um betroffenen Tieren zu helfen.

Kleiner Kopf, große Augen und zu wenig Platz für das eigene Gehirn

Kleiner Kopf, Knopfaugen und große Schlappohren. Hunde mit kleinem Kopf bedienen das Kindchenschema und gelten als besonders niedlich. Doch was passiert, wenn das Gehirn zu groß ist für den Hundeschädel? Bei sehr klein köpfigen Rassen wie dem Cavalier King Charles leiden 90 % der Hunde unter der Chiari-like-Malformation, einer Erkrankung, bei der das Gehirn buchstäblich zu groß für den Schädel ist. Durch den zu klein gezüchteten Schädel werden Teile des Kleinhirns durch das Hinterhauptsloch in das Rückenmark gedrückt. Das austretende Hirngewebe quetscht Nerven und verursacht Flüssigkeitsstaus, die unter anderem zu einem Wasserkopf und schweren Nervenschädigungen führen können. Die Folgen sind chronische Kopfschmerzen, Schwindel und neurologische Symptome wie Scheinkratzen. Auch andere Rassen mit klein gezüchteten Köpfen (z. B. Zwergspitze und Chihuahuas) sind häufig von neurologischen Symptomen durch einen zu klein gezüchteten Schädel betroffen. Für die Hunde bedeutet dies oft ein Leben voller Schmerzen und Einschränkungen.

Kurze Schnauze, Nasenfalte, Atemgeräusche

Die kurze Schnauze, die charakteristische Nasenfalte und das ständige Röcheln Merkmale, die bei brachycephalen (kurzköpfigen) Hunden als besonders charmant und teilweise als völlig „normal“ wahrgenommen werden. Doch diese Hunde leiden oft unter schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen. Ihre Atmung ist durch die gezüchtete kurze Kopfform stark eingeschränkt, was zu chronischer Atemnot und Erstickungsangst führen kann. Durch den verkürzten Schädel wird nicht nur eine verkürzte Nase gezüchtet, auch die Nasenlöcher sind oftmals viel zu eng, das Gaumensegel zu lang, die Zunge zu groß und die Zähne stehen schief. Viele dieser Tiere kämpfen täglich mit Schlafstörungen, Überhitzung und einem erhöhten Risiko für einen Erstickungstod. Das häufig auftretende scheinbar niedliche Schnarchen ist eher ein Hinweis auf eine angestrengte Atmung, die die Wärmeregulation und den Schlaf beeinträchtigt und sich spürbar auf das Wohlbefinden des Tieres auswirkt. Die körperlichen Veränderungen betreffen jedoch nicht nur die Atmung. Die zu flachen Augenhöhlen und übergroßen, herausstehenden Augen führen häufig zu schmerzhaften Augenentzündungen. Missbildungen der Wirbelsäule sind bei diesen Rassen keine Seltenheit. Hinzu kommt, dass die Kommunikation mit anderen Hunden erschwert wird. Kurzköpfige Hunde werden aufgrund der veränderten Gesichtsform von Artgenossen oft missverstanden. Fehlt etwa die „Pufferzone“ einer längeren Schnauze beim Begrüßen, wirken direkte Stirnkontakte und hochgezogene Maulwinkel distanzlos und irritierend. Die zu großen herausstehenden Augen werden von anderen Hunden oft als starrend empfunden und das ständige Röcheln kann als Knurren wahrgenommen werden. Diese Hunde sind nicht nur körperlich eingeschränkt, sondern auch in ihrer sozialen Interaktion benachteiligt ein Leben voller Missverständnisse und gesundheitlicher Beschwerden.

Kurze Beine, langer Rücken, Dackelgang

Hunde mit sehr kurzen Beinen erfreuen sich bei vielen Menschen an Beliebtheit. Doch hinter diesem typischen Körperbau (kurz gezüchtete Gliedmaßen) steckt eine genetische Störung der Knorpel und Knochenentwicklung (Chondrodystrophie/Chondrodysplasie). Die Fehlbildung der Knochen und Knorpel führt aber nicht nur zu kurzen Beinen und einer dauerhaften Fehlbelastung des Körpers, sondern sie kann auch zu einer frühzeitigen Degeneration und Verkalkung der Bandscheiben führen. Jeder vierte Hund mit dieser Erkrankung erleidet im Laufe seines Lebens einen Bandscheibenvorfall, der oft zu teilweisen oder vollständigen Lähmungen der Hinterbeine führt. Was viele als „rassetypisch“ und niedlich wahrnehmen, bedeutet oft Leiden für die Tiere.

Trendfarben, Schönheit um jeden Preis

Zu den Qualzuchten gehören auch Hunde mit Trend-Fellfarben durch Gendefekte. Das Merle-Gen, das bei unterschiedlichen Rassen für die charakteristische Scheckung sorgt, kann bei der Kreuzung zweier Merle-Genträger zu schweren Missbildungen an Augen und Ohren führen. Ein weiterer Trend sind ausgewaschene Fellfarben, wie das „Silber“, das durch das aufhellende Dilute-Gen hervorgerufen wird. Diese Farbverdünnung kann in Kombination mit anderen genetischen Mutationen zu Haarausfall und Hauterkrankungen führen. Was auf den ersten Blick „besonders“ und „schön“ erscheint, ist für die betroffenen Tiere häufig mit gesundheitlichen Problemen verbunden.

Unsichtbares Leid durch genetische Defekte

Die gesundheitlichen Folgen von Qualzucht sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Viele Erkrankungen sind nicht nur Folgen der Zucht auf bestimmte optische Merkmale, sondern „Nebeneffekte“, die auf den zu kleinen Genpool der Elterntiere zurückzuführen sind. So werden auch äußerlich zunächst nicht sichtbare Erkrankungen genetisch weitervererbt, die dann bei bestimmten Hunderassen gehäuft auftreten. Etwa 58 % aller Dobermänner leiden beispielsweise unter dilatativer Kardiomyopathie (DCM), einer Herzmuskelerkrankung, die oftmals tödlich endet. Andere Rassen, wie z.B. der Berner Sennenhund sind besonders anfällig für das histiozytäre Sarkom, eine aggressive Krebsart, die zu den häufigsten Todesursachen dieser Rasse gehört. Andere Rassen leiden z. B. häufig an Harnsteinen, die zu Nierenversagen führen können.

Qualzuchtmerkmale

Missbildungen des Schädels 

Abnormale Skelettform 

Schwanzlosigkeit, Kurzschwänzigkeit

Dermoide (versprengte Hautanlagen) 

Riesenwuchs

Dilute-Gen, Silber/Blue-dog-Syndrom 

Grey-Collie-Syndrom

Merle-Syndrom

Haarlosigkeit

Reinweiße Farbaufhellung 

Übermäßige Hautfaltenbildung

Ektropium („Hängelid“, auswärts gerollter Augenlidrand)

Schlappohren

Was können Tierhalter von betroffenen Tieren tun?

Regelmäßige tierärztliche Checks von Atemwegen, Augen, Haut, Zähnen und Bewegungsapparat sind enorm wichtig. Eine Früherkennung von Qualzuchtmerkmalen verhindert, dass Beschwerden als rassetypisch oder normal abgetan werden und spezielle Operationen und Eingriffe können helfen, betroffenen Hunden das Leben zu erleichtern. Informieren Sie sich über die möglichen Erkrankungen, die bei Ihrem Tier rassebedingt (auch bei Mischlingen) auftreten können und lernen Sie, wie sie diese erkennen können. Wichtig ist: Erkennen und handeln.

Atemprobleme:

Bei brachycephalen (kurzköpfigen) Rassen können Gewichtsmanagement, Schutz vor Hitze, angepasste Bewegung und ein gutsitzendes Brustgeschirr die Atmung erleichtern. Chirurgische Eingriffe wie Nasenlocherweiterung oder Gaumensegelverkürzung sind oft hilfreich.

Skelettanomalien:

Hunde mit genetisch bedingten Skelettanomalien (Chondrodystrophie/Chondrodysplasie) wie verkürzten oder deformierten Gliedmaßen, leiden oft auch unter degenerativen Bandscheibenerkrankungen, Bewegungseinschränkungen und Schmerzen. Frühzeitige orthopädische Untersuchungen, Physiotherapie, Schmerzmanagement und gegebenenfalls chirurgische Eingriffe können helfen, die Lebensqualität der betroffenen Tiere zu verbessern.

Neurologische Probleme:

Ein MRT ist notwendig, um angeborene Erkrankungen wie die Chiari-like-Malformation und Begleiterkrankungen wie Syringomyelie oder Wasserkopf bei klein köpfigen Hunden zu diagnostizieren. Je nach Schweregrad helfen Medikamente oder eine chirurgische Dekompression.

Zahnprobleme:

Zähne erfordern regelmäßige Kontrolle und Pflege (Zähneputzen, Zahnsanierung). Vor allem bei kleinen Hunden und Zwergrassen kommen Zahnerkrankungen häufig vor. Bei Problemen können Zahnröntgen und Zahnextraktionen nötig sein, um Entzündungen und Schmerzen zu vermeiden. Am besten so früh wie möglich bei schon jungen Tieren die Gebiss und Zahnstellung abklären lassen. Bei jungen Tieren ist auch eine kieferorthopädische Behandlung möglich.

Herzprobleme:

Auf Symptome wie Husten, Leistungseinbußen und erhöhte Atemfrequenz achten. Bei Rassen mit vererbbaren Herzkrankheiten sind regelmäßige Herzuntersuchungen (Echokardiografie) wichtig, um Erkrankungen früh zu erkennen. Medikamente können die Herzfunktion unterstützen.

Hautprobleme:

Hautfalten (vor allem im Gesicht) müssen regelmäßig gereinigt und trocken gehalten werden, um Entzündungen zu vermeiden. Bei Infektionen ist eine tierärztliche Behandlung notwendig.

Augenprobleme: Befeuchtende Augentropfen helfen bei Trockenheit und Reizungen. Chronisch entzündeten oder ständig tränenden Augen können Lidfehlstellungen (Ektropium, Entropium) zugrunde liegen. Regelmäßige Kontrolle ist wichtig, bei schweren Fällen können chirurgische Eingriffe nötig sein.

Wissen schützt Tiere

Qualzucht bedeutet für viele Hunde ein Leben voller Schmerzen, Einschränkungen und Leid. Die gezielte Zucht auf bestimmte äußere Merkmale mag einem menschlichen Schönheitsideal entsprechen, doch für die betroffenen Tiere hat sie oft gesundheitliche Folgen, die ihre Lebensqualität massiv beeinträchtigen. Verantwortung beginnt mit Wissen und dem ehrlichen Blick auf die Gesundheit unserer Tiere. Jedes Tier hat das gleiche Recht auf Schutz, Fürsorge und eine Art sowie bedürfnisgerechte Haltung. Aufklärung bildet die Grundlage dafür, Tierwohl dauerhaft über äußere Merkmale zu stellen und weiteres Leid zu vermeiden. Mit guter Pflege, medizinischer Betreuung und bewussten Entscheidungen können wir das Leben vieler Tiere verbessern.


C. Kaul


 
 
 

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